Im September 2019 fand das Afrika Film Festival Köln mit dem Schwerpunkt „Fundamentalismus und Migration“ statt. Erfahrt mehr darüber in unserem Throwback!

Fundamentalismus und Migration

Nach „Landgrabbing und Migration“ im Jahr 2017 und dem Schwerpunkt auf der innerafrikanischen Migration 2018 lautete der Fokus des 17. Afrika Film Festivals Köln im Jahr 2019 Fundamentalismus und Migration.

In vielen Ländern Afrikas haben fundamentalistische Ideologien an Einfluss gewonnen. Sie werden von christlich-evangelikalen und islamistischen Bewegungen ebenso verbreitet wie von reaktionären politischen Parteien und Regierungen. Viele radikal-religiöse Sekten erhalten propagandistische und finanzielle Hilfen von außen. Afrikanische Intellektuelle kritisieren dies und erinnern daran, dass auch der Islam und das Christentum dem Kontinent aufgezwungen wurden. Afrikanische Filmschaffende kritisieren dies und erinnern mit cineastischen Mitteln daran, dass auch der Islam und das Christentum dem Kontinent aufgezwungen wurden. 23 von 75 Filmen im Festivalprogramm thematisierten den Fokus, davon gewann einer sogar den Publikumspreis in der Kategorie „Beste Dokumentation: In FREEDOM FIELDS von der Regisseurin Naziha Arebi geht es um Frauen in Libyen, die darum kämpfen, Fußball spielen zu dürfen, obwohl dies den Moralvorstellungen ihrer konservativ-muslimischen Familien und Gesellschaften widerspricht. Naziha Arebi war zu Gast beim Festival und nahm den Preis persönlich entgegen.

In Anwesenheit des Regisseurs Nasib Farah lief auch die unter den Schwerpunkt fallende Dokumentation LOST WARRIOR während des Festivals mehrmals. LOST WARRIOR erzählt die Geschichte von Mohamed, dem seine Eltern ein besseres Leben wünschen, weshalb sie ihn schon im Alter von drei Jahren von Somalia nach England schicken. Als Teenager gerät er dort auf die schiefe Bahn, landet im Gefängnis, radikalisiert sich und wird mit 19 zurück nach Somalia abgeschoben: direkt in die Fänge der Terrororganisation Al-Shabaab. Als er erkennt, dass Al-Shabaab weder für Befreiung noch für Frieden steht, flieht er nach Mogadischu, um sich vor der Organisation zu verstecken, die ihn als Abtrünnigen verfolgt. Dort lernt er die junge Fathi aus London kennen. Die beiden heiraten, Fathi wird schwanger, aber sie muss alleine nach London zurückkehren, da Mohammed keine Papiere besitzt. In einem Interview, welches hier auf unserer Webseite zu finden ist, geht Nasib Farah näher auf seine Dokumentation ein.

Auch der Spielfilm FATWA fällt unter den Festival-Fokus. Fatwa spielt 2013 in Tunis. Nachdem sein Sohn Marouane bei einem Motorradunfall ums Leben kam, kehrt der in Frankreich lebende Brahim zum ersten Mal seit Jahren nach Tunesien zurück. Trauer um seinen Sohn mischt sich mit Schrecken angesichts der jüngsten politischen Veränderungen in seinem Heimatland. Zwar konnte die Diktatur von Präsident Zine El Abidine Ben Ali beendet und eine parlamentarische Demokratie eingeführt werden. Aber als Konsequenz der neuen Redefreiheit erheben jetzt auch Salafisten und islamistische Extremisten das Wort. Der liberale Brahim erfährt nicht nur, dass gegen seine Ex-Frau, die Autorin Loubna, aufgrund ihres jüngsten Buchs eine FATWA verhängt wurde, sondern auch, dass sein Sohn in einer radikal-islamistischen Gruppe aktiv war. Brahim versucht herauszufinden, wie es dazu kam.

Filme auch aus Brasilien

Die Schirmherrschaft übernahm 2019 Hawa Essuman, eine dem Festival wohlbekannte Regisseurin aus Kenia, deren Dokumentation SILAS im Vorjahr beim 16. Afrika Film Festival Köln mit dem vom WDR dotierten Publikumspreis für den besten Dokumentarfilm ausgezeichnet wurde. Beim Festival 2019 präsentierte sie ihren Spielfilm SOUL BOY bei diversen Schulvorstellungen. Darüber hinaus kuratierte und moderierte sie, gemeinsam mit der Producerin Fibby Kioria, ein ostafrikanisches Kurzfilmprogramm.  Den Festivalauftakt machte DHALINYARO (JEUNESSE) der allererste Spielfilm aus Dschibuti von der Regisseurin Lula Ali Ismaïl, die am Eröffnungsabend anwesend war und im Anschluss der Filmvorführung mit dem Publikum über das Filmschaffen und die Kultur in Dschibuti am Horn von Afrika diskutierte.

Aufgrund der aktuellen politischen Lage in Brasilien fand während es 17. Afrika Film Festivals auch eine Sondersektion zum „Cinema Negro“ in Brasilien statt. Mehr als die Hälfte der Brasilianer*innen hat afrikanische Vorfahren. In den letzten Jahren ist eine bemerkenswert kreative schwarze Filmszene in Brasilien entstanden. Doch seit dem Amtsantritt des rechtsextremen Präsidenten Jair Bolsonaro Anfang 2019 ist nicht nur deren Existenz, sondern die Demokratie insgesamt bedroht. Dies wurde unter dem Titel „SAMBA DE FASCISMO – Brasilien auf dem Weg in die Diktatur?“ im Rahmen einer Podiumsdiskussion in der Kölner Zentralbibliothek thematisiert, zu der brasilianische Gäste wie der Filmemacher Gabriel Martins, die Schriftstellerin Carola Saavedra und die brasilianischen Schauspielerin und Autorin Barbara Santos eingeladen waren. Die brasilianische Präsidentin der Kölner Immisitzung Myriam „Mymmi“ Chebabi verarbeitete die Situation in ihrem Heimatland in einem Sketch. Darüber hinaus präsentierte FilmInitiativ Köln e.V. unter dem Titel „Brazilian Shorts“ zwei Kurzfilmprogramme mit Filmen Schwarzer Regisseur*innen aus Brasilien. Eines davon wurde vom Filmemacher und Festivalleiter Alex Mello (CineBrasil/Cinema Negro) kuratiert und während des 17. Afrika Film Festivals vorgestellt.

Der Publikumspreis für den besten Spielfilm ging 2019 an THE MERCY OF THE JUNGLE von Joël Karekezi, der 1998 in der Kivu-Region an der Grenze zwischen Ruanda und dem Kongo spielt. Sergeant Xavier und Private Faustin sind Teil einer ruandischen Armeeeinheit, die während des Zweiten Kongokriegs eine Gruppe Hutu-Rebellen aufspüren soll. Aber eines Nachts verlieren die beiden Soldaten den Anschluss an ihr Bataillon. Fortan müssen sie sich alleine durch den Dschungel kämpfen, ohne Vorräte und ohne Wasser. Vor ihnen liegt eine Odyssee, bei der sie sich nicht nur durch kongolesische Soldaten, wilde Tiere, Krankheit, Hunger und Durst bedroht sehen, sondern auch einen neuen Umgang miteinander finden müssen, um zu überleben. Oualid Baha, der Produzent des Films, nahm den Preis dankend entgegen.

Erstmals wurde 2019 auch ein Publikumspreis für den besten Kurzfilm vom Verein KIOSK –Arts Exchange e.V.in Kooperation mit dem Nikolaus Gülich Fonds vergeben. Gewonnen hat mit einer durchschnittlichen Bewertung von 4,64(von 5) Punkten der Kurzspielfilm BROTHERHOOD von Meryam Joobeur aus Tunesien. Er erzählt von einemtunesischen Hirten, dessen Leben in Aufruhr gerät, als sein Sohn Malik mit einer verschleierten Frau von seinem Einsatz für den IS in Syrien nach Hause zurückkehrt.

Alle weiteren Infos zum 17. Afrika Film Festival Köln gibt es hier auf der Webseite in den Rubriken PROGRAMM und PRESSE und außerdem auf unserer Internetpräsent www.filme-aus-afrika.de.