Das 16. Afrika Film Festival Köln hatte den Fokus „Innerafrikanische Migration“ und wurde nicht umsonst zum Kölner Kulturereignis des Jahres 2018 gekürt. Erfahrt mehr in unserem Throwback.

INNERAFRIKANISCHE MIGRATION: FESTIVALAUFTAKT MIT „REVENIR“

Das 16. Afrika Film Festival Köln präsentierte 75 neue Filme aus Afrika – mit einem durch 25 Titel repräsentierten, breiten Fokus auf innerafrikanische Migration.

68 Millionen Menschen sind weltweit auf der Flucht, die meisten von ihnen in ihren eigenen Nachbarländern. Die Gründe sind so bekannt wie vielfältig: Krieg, Demokratiedefizite und wirtschaftliche Not. Dabei gelangt nur ein kleiner Teil der globalen Flüchtlinge (um die 17 Prozent) in das vergleichsweise reiche Europa, 30 Prozent aller Flüchtlinge leben in den afrikanischen Ländern südlich der Sahara. Wird der Maghreb hinzugezählt, beherbergt Afrika sogar etwa die Hälfte der Flüchtlinge weltweit.

Um Fluchtwege in die EU zu verbauen, werden Abkommen über „Grenzsicherungen“ mit diktatorischen Regimes von Marokko über Ägypten bis nach Eritrea geschlossen und Deals mit „Failed States“ eingegangen, die von marodierenden Milizen kontrolliert werden: In Libyen werden Flüchtlinge unter unsäglichen Bedingungen in Camps zusammengepfercht. Eine Folge der zunehmend militarisierten Abschottung der Mittelmeerküste ist, dass immer mehr Verzweifelte versuchen, vom Horn von Afrika in den Jemen überzusetzen und auf der Arabischen Halbinsel Arbeit zu suchen oder sich dort Richtung Norden durchzuschlagen. Hunderte, wenn nicht sogar Tausende sind bei der gefährlichen Überfahrt bereits ertrunken. Weitere kamen durch Unruhen und Krieg im Jemen ums Leben. Von denen, die es bis Saudi-Arabien geschafft hatten, wurden inzwischen wieder Hunderttausende abgeschoben.

Für Politik und Medien steht die „afrikanische Binnenmigration“ hinter der Auswanderung nach Europa und in andere „reiche” Länder der nördlichen Hemisphäre zurück – und doch birgt sie dieselben Folgen für die Betroffenen: Auf Seiten der Emigranten regieren „Angst und Schuldgefühle, weil der ‚Erfolg‘ ausbleibt“, die Familien wiederum „leiden unter der Abwesenheit ihrer Angehörigen und ausbleibenden Nachrichten von ihnen“, so formu-liert es Michel Zongo. Bereits 2010 spürte er in ESPOIR VOYAGE2 seinem 1978 verschollenen Bruder Joanny nach, der vierzehnjährig aus Burkina Faso in die Elfenbeinküste aufgebrochen war. Afrikanische Filmschaffende erzählen schon lange in Spiel-, Dokumentar- und Kurzfi lmen von diesen Zusammenhängen: Die Doku-Fiction KADDU BEYKAT, 1975 gedreht von Safi Feye aus dem Senegal, der ersten international bekannten Regisseurin Afrikas, befasst sich im Kern mit den Schäden der noch aus der Kolonialzeit herrührenden landwirtschaftlichen Monokultur.

Hochaktuell und hautnah ist REVENIR von David Fedele und Kumut Imesh aus der Elfenbeinküste. Der in Frankreich als Asylant geduldete Ivorer Imesh begiebt sich in der Dokumentation noch einmal auf die Route seiner Flucht und versucht, über den Niger bis zum Mittelmeer und nach Europa zu gelangen – diesmal mit der Kamera. Fedele und Imesh erzählen von der Leichtigkeit und den Strapazen des Unterwegsseins, geben Inneneinblicke in Gesellschaften und Milieus entlang der westafrikanischen Migrationsroute.

REVENIR eröffnete das 16. Afrika Film Festival in Anwesenheit der Filmemacher, die im Anschluss des Screenings lehaft mit dem Publikum diskutierten und den Film in weiteren Vorstellungen in anderen Städten und an Schulen präsentierten. REVENIR könnt ihr euch aktuell auch in unserer Rubrik AFFK online anschauen. Weitere Informationen zum Festivalschwerpunkt „Innerafrikanische Migration“ findet ihr im Programm des 16. Afrika Film Festivals Köln und auf unserer Webseite filme-aus-afrika.

Auch die Dokumentation WAREHOUSED befasst sich mit dem Thema der Migration in Afrika und wurde in Anwesenheit des Regisseurs Asher Emmanuel beim 16. Afrika Film Festival  Köln präsentiert. Über 12 Millionen Menschen weltweit leben in Flüchtlingslagern, und einige der größten liegen in Afrika. Der Begriff „warehoused“ (=„eingelagert“) bezieht sich auf Asylsuchende, die sich fünf oder mehr Jahre in Grenzlagern aufhalten müssen – ohne das Recht auf Arbeit oder Einkommen, auf Freizügigkeit oder freie Wahl des Wohnortes. WAREHOUSED gewährt intime Einblicke in den Alltag des kenianischen Flüchtlingslagers Dadaab – größtes Flüchtlingslager der Welt. Durch die persönlichen Geschichten der Flüchtlinge und UN-Mitarbeiter wird das Innenleben des Lagers erfahrbar. Der Film verdeutlicht die immer wichtiger werdende Rolle von Hilfsorganisationen, Aufnahmeländern und Asylländern im Leben von Millionen von Menschen, die darum kämpfen, einen Ort zu finden, den sie Heimat nennen können.

Der Spiefilm FRONTIÈRES aus Burkina Faso begleitet vier Frauen über sieben Tage hinweg in fünf Länder. Die Protagonistinnen erleben dabei alle möglichen Formen von Unrecht, wie Vergewaltigung, sexuelle Belästigung und Erpressung durch Männer und Regierungen, die die Grenzen kontrollieren, die sie passieren müssen, um ihren Lebensunterhalt mit dem Handel von Waren bestreiten zu können. FRONTIÈRES bietet einen schonungslosen Blick auf das, was Frauen auf der Straße widerfährt, ohne dabei, ebenso wie die vier Protagonistinnen, den Weg aus den Augen zu verlieren. Ihren Wurzeln getreu drehte Traoré ausschließlich an den in der Handlung beschriebenen Schauplätzen in Burkina Faso, im Senegal und in Nigeria. FilmInitiativ Köln hatte zur Präsentation des Films die Schauspielerin Sidi Adizetou nach Köln eingeladen. Leider erhielt sie 2018 kein Visum, auch wenn Flug-, Hotel- und weitere Kosten bereits durch FilmInititativ erstattet wurden. Geplante Anschlussvorführungen in weiteren deutschen Städten mussten gestrichen werden. Dies war 2018 kein Einzelfall. Mehrere geladene Filmschaffende hatten 2018 von der deutschen Botschaft kein Visum erhalten, ein Regisseur war sogar trotz gültiger Papiere von der Bundespolizei bei der Einreise nach Deutschland festgehalten und befragt worden.

SCHIRMHERR AMIL SHIVJI

Die Schirmherrschaft übernahm 2018 der Filmemacher, Dozent und langjährige Freund des Afrika Film Festival Köln Amil Shivji aus Tansania. Er ist Gründer der unabhängigen Produktionsfirma Kijiweni Productions, die sich der Erzählung lokaler Geschichten auf internationalem Standard widmet. Zusätzlich gründete er das Kijiweni Cinema, wo jeden Monat, begleitet von Diskussionen, klassische afrikanische Filme gezeigt werden. Neokolonialismus, kultureller und politischer Imperialismus stehen im Zentrum von Amil Shivjis Aktivitäten und medialer Arbeit. Er hat mehrere Kurzfilme geschrieben, inszeniert und produziert, die sich mit Themen wie Korruption, Landgrabbing und der wachsenden Kluft zwischen Arm und Reich befassen und weltweit Anerkennung fanden. AISHA (2015), der auf dem Afrika Film Festival 2016 gezeigt wurde und in unserer Rubrik AFFK online zu sehen ist, war sein Debüt als Spielfilmproduzent. Mit T-JUNCTION (2017), dem Eröffnungsfilm des Zanzibar International Film Festivals 2017, der  mit drei Preisen ausgezeichnet wurde, feierte Shivji sein Debüt als Spielfilmregisseur. Er präsentierte T-JUNCTION auch beim 16. Afrika Film Festival. Der Film ist ebenfalls in unserer Rubrik AFFK online zu sehen.

AFROFUTURISM UND VIRTUAL REALITY

2018 richtete das Afrika Film Festival Köln auch einen besonderes Augenmerk auf das Thema Afrofuturismus. Dazu lud FilmInitiativ Köln e.V. die Literatur -und Kulturwissenschaftlerin Peggy Piesche ein. Ihre Forschungs- und Lehrtätigkeit liegt in den Feldern und jeweiligen Schnittstellen von Diaspora und Translokalität, Performativität von Erinnerungskulturen (Spatiality and Coloniality of Memories) sowie Black Feminist Studies und Critical Race und Whiteness Studies. Sie publizierte zu Rassifizierungen und Schwarzen Images, Kolonialgeschichte und kollektiver Erinnerung sowie Afrofuturismus und Afrikanisch/Diasporische Zukunftsentwürfe. Piesche ist u. a. Mitherausgeberin von MYTHEN, MASKEN UND SUBJEKTE. KRITISCHE WEISSSEINSFORSCHUNG IN DEUTSCHLAND (2005/ 09) und gab 2012 die Anthologie EUER SCHWEIGEN SCHÜTZT EUCH NICHT. AUDRE LORDE UND DIE SCHWARZE FRAUENBEWEGUNG IN DEUTSCHLAND heraus. Nach Lehrtätigkeiten in den Niederlanden und den USA arbeitete sie ab 2013 an der Academy of Advanced African Studies (Universität Bayreuth) mit dem Forschungsschwerpunkt „Zukunftskonzeptionen in Afrika und der Diaspora“. Beim 16. Afrika Film Festival Köln leitete sie die African Shorts: Afrofuturism ein und diskutierte im Anschluss mit einem begeisterten Publikum im Kino und darüer hinaus in einem Kölner Lokal.

Einblicke in das «digitale Afrika» präsentierte das Afrika Film Festival Köln 2018 außerdem durch Virtual Reality (VR)-Produktionenaus Kenia, dem Senegal und Ghana, die in der Kölner Zentralbibliothek zu sehen waren und ein begeistertes Publikum anzogen.

Das 16. Afrika Film Festival kam so gut an, dass es 2019 vm Kölner Kulturrat und den Leser*innen des Kölner Stadtanzeigers und der Kölnischen Rundschau zum Kulturereignis des Jahres 2018 gekürt wurde. Darüber hat FilmInitiativ Köln sich sehr gefreut und bedankt sich hiermit erneur dafür.

Weitere Infos zum 16. Afrika Film Festival Köln findet ihr auf dieser Webseite in der Rubrik PRESSE und im Programm des 18. Afrika Film Festival Köln.