Weiter geht’s mit unserem AFFK Throwback. In diesem Beitrag lassen wir das 15. Afrika Film Festival Köln mit dem Fokus „Landgrabbing & Migration“ Revue passieren.

AFRO.DEUTSCHLAND mit Theodor Wonja Michael

2017 war ein ganz besonderes Jahr: Das Afrika Film Festival Köln feierte 25. jähriges Jubiläum, präsentierte rund 80 afrikanische Filme und lud 30 internationale Gäste nach Köln ein.

Niemand anders als der ehrenwerte Theodor Wonja Michael, afrodeutscher Zeitzeuge und zu Lebzeiten begeisterter Freund des Afrika Film Festivals Köln, übernahm 2015 die Schirmherrschaft.

Am 15. Januar 1925 wurde Theodor Wonja als jüngster Sohn eines Kameruners und seiner deutschen Frau in Berlin geboren und wuchs nach dem Tod seiner Mutter im Jahre 1926 bei Pflegeeltern auf. Als Betreiber einer „Völkerschau“ setzen diese ihn schon im Alter von vier Jahren als schwarzen Komparsen ein. 1939 machte er seinen Volksschulabschluss. Eine weiterführende Schulbildung blieb ihm jedoch aufgrund der rassistischen Nürnberger Gesetze verwehrt. So verdingte er sich als Hotelpage, Zirkusdarsteller und als Statist in kolonialen Propagandafilmen der UFA. 1943 in ein Arbeitslager nahe Berlin eingewiesen, wurde er 1945 von der Roten Armee befreit. Auch in der Nachkriegszeit hatte Theodor Wonja Michael Schwierigkeiten, als Schwarzer Deutscher seine Familie zu ernähren. Er arbeitete als Schauspieler bei Theatern und Rundfunk, bis er schließlich auf dem zweiten Bildungsweg ein Studium nachholen konnte. Anfang der 1970er-Jahre wurde er als Experte für Afrika beim BND angestellt. In seiner 2013 erschienenen Biografie DEUTSCH SEIN UND SCHWARZ DAZU – ERINNERUNGEN EINES AFRO-DEUTSCHEN beschreibt er seinen ungewöhnlichen (Über-)Lebensweg und sein Engagement in der Afrodeutschen Community. In dem Dokumentarfilm AFRO.DEUTSCHLAND von Jana Pareigis erzählt er ebenfalls davon und stellte die Dokumentation beim 15. Afrika Film Festival vor. Am 19. Oktober 2019 verstarb Theodor Wonja Michael in Köln – sein Engagement und sein Schaffen jedoch leben weiter.

Fokus 2015: Landgrabbing und Migration

2017 entschied sich FilmInitiativ Köln e.V. aus gutem Grund für den Festival-Schwerpunk „Landgrabbing und Migration“. Der Verkauf von Land in Afrika an ausländische Unternehmen hat immer dramatischere Ausmaße angenommen. Vom Maghreb bis zum Kap haben multinationale Konzerne riesige Ländereien erworben, um dort Bergbau zu betreiben, Rohstoffe abzubauen, Raps, Soja und Palmöl für Biosprit anzupflanzen sowie Nahrungsmittel für den Export. Nach Angaben der Weltbank stand 2010 bereits „mehr als ein Drittel des Weltbodenvorrats“ auf der Einkaufsliste einer neuen Kaste von Kolonialherren. Auf der Internetseite der Food and Agriculture Organization of the United Nations (Ernährungs- und Landwirtschaftsorganisation der Vereinten Nationen, kurz FAO) ist nachzulesen, dass im letzten Jahrzehnt weltweit bereits „bis zu 220 Millionen Hektar Land“ an internationale Spekulanten verkauft wurden. „Zum Vergleich: Die gesamte EU hat etwa 180 Millionen.“

Die Ausstellung DAS LAND, DAS WIR UNS NEHMEN – DER GRIFF NACH TROPISCHEM REGENWALD UND ACKERBODEN, die FilmInitiativ beim 15. Afrika Film Festival Köln in der Stadtbücherei am Neumarkt eröffnete, verdeutlichte diesen „aggressiven Griff nach Land“ anhand von Beispielen aus Kamerun, Brasilien, Bolivien und Rumänien. Ein Grund dafür ist die internationale Finanzkrise, die zu geringen Zinsen geführt hat und Geldanlagen weniger lukrativ werden ließ als Bodenspekulationen. Hinzu kommen die zunehmende Bedeutung von Biosprit aufgrund schwindender Erdöl-Vorräte, der Verlust von fruchtbarem Ackerland aufgrund des Klimawandels und das Allzeithoch der Lebensmittelpreise, das Großplantagen, Agrarfabriken und den Handel mit Nahrungsmitteln immer profitabler macht. Hungeraufstände in mehr als 25 Ländern im letzten Jahrzehnt waren soziale Folgen davon. Am härtesten betroffen von dieser Entwicklung sind Länder in Afrika, weil es dort reiche Rohstoffe und wenig amtlich verbrieften Grundbesitz gibt. Regierungen erklären selbst über Generationen hinweg bebauten und vererbten Boden schlichtweg zu Staatsland, um ihn gewinnbringend verkaufen zu können. Laut Weltagrarbericht sind seit der Jahrtausendwende bereits fünf Prozent des fruchtbaren Ackerbodens auf dem afrikanischen Kontinent an ausländische und einheimische Geschäftemacher verschleudert worden. Hunderttausende afrikanische Bauernfamilien verloren dadurch ihre Lebensgrundlagen, was sie in vielen afrikanischen Ländern zur Flucht und Migration zwingt.

Die Auswirkungen dieser Entwicklung und die damit verbundenen Menschenrechtsverletzungen sind inzwischen „in hunderten Fallstudien“ belegt. Beteiligt an der „globalen Jagd“ nach Boden sind auch deutsche Banken, Unternehmen und Fonds. 2010 hatten diese bereits „1,5 Millionen Hektar Land“ gekauft oder gepachtet, u. a. in Äthiopien und in der Demokratischen Republik Kongo.

Folgen des Landraubs zeigen die Regisseur*innen Osvalde Lewat und Hugo Berkeley in ihrem Film LAND RUSH, der beim 15. Afrika Film Festival präsentiert wurde. Die Dokumentation zeigt, dass für eine Zuckerrohrplantage in Mali ganze Dörfer mit Bulldozern niedergewalzt wurden. Nicht einmal Friedhöfe wurden dabei ausgespart, sodass sich schließlich Gebeine von Toten am Rand von Straßen und Kanälen fanden. LAND RUSH gibt es zurzeit in voller Länge in unserer Rubrik AFFK online zu sehen.

Die Marokkanerin Soraya El Kahlaoui verfolgte für ihren Film LANDLESS MOROCCANS über mehrere Jahre mit ihrer Kamera, wie eine Gemeinschaft von Bauern, deren Vorfahren über Generationen am Rande von Rabat Felder und Gärten bebaut hatten, einem Neubauviertel weichen musste und in die Obdachlosigkeit getrieben wurde. Dass internationale Geschäftemacher im Zweifel auch über Leichen gehen, um an gewinnträchtige Ländereien zu kommen, verdeutlicht der abendfüllende Dokumentarfilm THE SHORE BREAK aus Südafrika. Spannend wie ein Thriller schildert der Film den Widerstand einer Community an der Wildcoast gegen die Zerstörung ihres Landes durch einen australischen Minenkonzern, der dort Titan im Tagebau gewinnen will. Die ANC-Regierung unterstützt das Projekt und plant dafür zudem den Bau einer neuen Schnellstraße durch die traumhafte Küstenlandschaft am Indischen Ozean. Wer gegen die Millionengeschäfte opponiert, lebt gefährlich: Ein Aktivist wurde unter einem fragwürdigen Vorwand verhaftet, ein anderer kam unter ungeklärten Umständen ums Leben. Die couragierte Umweltaktivistin Nonhle Mbuthuma ließ sich jedoch auch von Todesdrohungen nicht einschüchtern und vermochte das Vorhaben durch eine erfolgreiche Klage beim südafrikanischen Verfassungsgericht zumindest vorläufig aufzuhalten. Sie war beim 15. Afrika Film Festival zu Gast und diskutierte angeregt mit dem Publikum über die Situation in ihrem Heimatland.

Von ähnlich dramatischen Auseinandersetzungen in Äthiopien berichtet Joakim Demmer in seinem Dokumentarfilm DEAD DONKEYS FEAR NO HYENAS (DAS GRÜNE GOLD). Dort hat die Regierung ausländischen Investoren bereits Millionen Hektar Boden abgetreten, selbst in Regionen, deren BewohnerInnen Hunger leiden und auf Hilfslieferungen der UNO angewiesen sind. Die Weltbank unterstützt den Verkauf von fruchtbarem Ackerland an multinationale Konzerne, die nur für den Export produzieren und nichts zur Nahrungsversorgung des Landes beitragen. Nicht einmal Naturschutzgebiete sind vor diesen modernen Landräubern sicher. So erlaubte die äthiopische Regierung einem Agrarkonzern aus Saudi-Arabien, gigantische Flächen in einem Nationalpark für die Errichtung einer Großplantage zu planieren. Als die dort lebenden Bauern dagegen protestierten, marschierte das Militär ein und brannte ihre Dörfer nieder. Es gab Tote und Verletzte und Tausende flohen über die Grenze in den benachbarten Sudan, wo sie seitdem unter erbärmlichen Bedingungen leben. Ein Ranger, der die Zerstörung des Nationalparks kritisierte, landete im Gefängnis. Der Umweltjournalist Argaw Ashine, der den Skandal aufdeckte, floh aus Angst um sein Leben ins US-amerikanische Exil. FilmInitiativ lud ihn und den Regisseur 2017 nach Köln ein, um mit ihnen über Landgrabbing in Äthiopien und die dadurch verursachten Migrationsbewegungen zu diskutieren.

Wie gefährlich die Fluchtrouten aus Ostafrika Richtung Europa sind, skizziert auch der Kurzfilm THIS MIGRANT BUSINESS aus Kenia mithilfe von Animationen. Der tunesische Spielfilm THE LAST OF US findet dafür epische Bilder. Sie zeigen einen Bootsflüchtling ohne Namen, der in einem abgelegenen Waldstück strandet und dort auf einen weiteren Migranten trifft, der ausschließlich von dem lebt, was die Natur ihm bietet. Die apokalyptische Fabel kommt ohne jeden Dialog aus, aber der sorgfältig collagierte Soundtrack aus Geräuschen von Land, Wald und Meer vermittelt die Verlorenheit der Geflüchteten in ihrer archaischen Umwelt um so deutlicher. Der Wald wirkt in dem Film nahezu mystisch, und tatsächlich wird Natur in vielen Teilen Afrikas keineswegs nur unter ökonomischen Verwertungskriterien betrachtet. So heißt es in den Leitlinien zur Landpolitik der Afrikanischen Union: „Von der Mehrheit der Gesellschaften in Afrika wird Land nicht einfach als ein wirtschaftliches und ökologisches Gut, sondern als eine soziale, kulturelle und sinnstiftende Kraft gesehen. Land bleibt ein wesentlicher Faktor in der Konstruktion einer sozialen Identität, bei der Organisation des religiösen Lebens und der Produktion und Reproduktion von Kultur.“  Dies verdeutlicht auf monumentale Weise der Spielfilm PO DI SANGUI (DER BLUTBAUM) aus Guinea Bissau, ein Klassiker des afrikanischen Kinos aus dem Jahr 1996. Er spielt in dem Dorf Amanha Lundju, dessen Bewohner*innen, einer alten Tradition folgend, immer dann einen Baum pflanzen, wenn ein Kind geboren wird. Die Dorfbewohner*innen glauben daran, dass ihre Seelen in diesen Bäumen leben, und sehen deshalb ihre Existenz bedroht, als fremde Holzarbeiter anrücken, um die Bäume zu fällen.

Auf ökologische Folgen neokolonialer Landnahme verweist Amina Weira in ihrem Film LA COLÈRE DANS LE VENT über den seit einem halben Jahrhundert von der französischen Firma Areva betriebenen Uranabbau in der Wüstenstadt Arlit im Niger. Der Vater der Regisseurin hat selbst in der Mine gearbeitet und dabei – wie viele andere – seine Gesundheit aufs Spiel gesetzt. Uran aus afrikanischen Minen wird nicht nur für den Betrieb der mehr als 50 Atomkraftwerke in Frankreich benötigt, sondern auch für die atomare Bewaffnung der Force de frappe. Frankreich testete seine ersten Atombomben auch in Afrika – in der algerischen Sahara. Bis heute sind dort riesige Gebiete radioaktiv verseucht. Wie die algerische Regisseurin Elisabeth Leuvrey nach Recherchen vor Ort in ihrem Film AT(H)OME zeigt, leiden viele Nomaden bis heute an Krankheiten, die dadurch verursacht wurden. Der koloniale Landraub und das aktuelle Landgrabbing haben dieselben Ursachen: die Gier der Industrienationen nach billigen Rohstoffen, Nahrungsmitteln und Profiten ohne Rücksicht auf die betroffenen Menschen. Widerstand dagegen wird erstickt. Politiker, die sich um eine Kontrolle der Ressourcen ihrer Länder bemühten oder gar Minen, Plantagen und Unternehmen der ehemaligen Kolonialherren nationalisieren wollten, wurden ermordet – von Patrice Lumumba, dem ersten Premierminister des Kongo, im Jahre 1960 bis zu Thomas Sankara, dem revolutionären Präsidenten Burkina Fasos, im Jahr 1987. Für den Regisseur und Schauspieler Sylvestre Amoussou aus Benin war dies der Hintergrund für seinen Film L’ORAGE AFRICAIN, für den er beim diesjährigen FESPACO in Ouagadougou mit dem zweiten Preis ausgezeichnet wurde, dem Étalon in Silber. Er spielt in dem Film selbst einen afrikanischen Präsidenten, der den Verkauf von Land untersagt und alle ausländischen Unternehmen von den Kaffee-Plantagen bis zu den Diamanten-Minen verstaatlicht. Deren weiße Besitzer heuern daraufhin ausländische Söldner an, um das Land zu destabilisieren und einen Putsch vorzubereiten – wie es oft in der Geschichte Afrikas seit der Unabhängigkeit geschah. Aber diesmal stehen die westlichen Geschäftsleute am Schluss nicht als Sieger da. Genau dafür erhielt der Regisseur beim Filmfestival in Ouagadougou Anfang 2017 euphorische Ovationen des afrikanischen Publikums – und auch in Köln war das Publikum begeistert von dem Film, der in Anwesenheit des Regisseurs präsentiert wurde.

PUBLIKUMSPREISE: SÜDAFRIKANISCHER DOPPELERFOLG

Auch 2017 wurden wieder Publikumspreise für den besten Spielfilm (gestiftet von choices) und den besten Dokumentarfilm (gestiftet von der WDR Dokumentarredaktion) verliehen. Der Preis für den besten Dokumentarfilmging an SKULLS OF MY PEOPLE von Vincent Moloi aus Südafrika. Darin geht es um den von Deutschen verübten Genozid an den Herero und Nama in den Jahren 1904 bis 1907 und die bis heute nicht erfüllten Forderungen ihrer Nachfahren in Namibia nach Entschuldigungen und Entschädigungen seitens der deutschen Regierung. Die Herero und Nama fordern nicht nur die Herausgabe der Gebeine ihrer Ahnen, die von den deutschen Kolonialherren für ihre rassistischen Forschungen geraubt wurden. Sie verlangen auch die Rückgabe ihres Landes, das ihnen damals gestohlen wurde und das bis heute zu großen Teilen im Besitz weißer Siedler ist.

Als bester Spielfilm wurde SHEPHERDS AND BUTCHERS von Oliver Schmitz gekürt, der ebenfalls beim 15. Afrika Film Festival zu Gast war. Der Justizthriller des Südafrikaniers handelt von einem minderjährigen Henker zur Zeit der Apartheid und beruht auf wahren Begebenheiten.

Am Abend des letzten Festivalsamstag reichten die 260 Sitze des Festivalkinos im Museum Ludwig bei weitem nicht aus für all diejenigen, die den Spielfilm FÉLICITÉ über eine Barsängerin in Kinshasa sehen wollten.

Ein kleiner Trost war, dass die Band aus dem Film, die Kasai Allstars aus Kinshasa, zur Feier des 25-jährigen Festivaljubiläums im Oktober 2017 im Club Bahnhof Ehrenfeld live zu erleben waren. Das Jubiläumsfestival 2017 war einmal mehr ein voller Erfolg. Weitere Infos zu diesem grandiosen Festivaljahr findet ihr auf unserer Webseite filme-aus-afrika.